Zeitungsdesign: „Das klassische Storytelling mit Überschrift, Bild und Text ist out!“

Bildquelle: Parzeller Verlag, Fulda

Die Fuldaer Zeitung hat sich ein neues Gesicht gegeben. „Chirurg“ war der international renommierte Zeitungsdesigner Hans-Peter Janisch. Er visualisiert große Themen auch groß und macht die Zeitung „magaziniger“. Erst vor Kurzem hat Janisch die Wochenzeitungen der Verlagsgruppe Parzeller überarbeitet. Sie präsentieren sich nun lokaler und emotionaler. Wir sprachen mit ihm über die Aufmachung von Zeitungen und wie sich die Digitalisierung auf die Erscheinungsform auswirkt.

Herr Janisch, wie wichtig ist das Design bei der Gewinnung neuer Leser?
Durch ein neues Design wird keine zusätzliche Zeitung verkauft. Das Design kann aber neue Seiten, Themen und Erzählformen gut umsetzen. Diese lassen sich dann wirklich verkaufen. Design ist stets Mittel zum Zweck.

Gibt es Trends, die Sie beim Zeitungsdesign ausmachen?
Ja natürlich. Lange Zeit wurden diese Trends von der Technik bestimmt. Zum Beispiel die schnelle Verfügbarkeit freigestellter Bilder führte zu einer Inflation dieses Stilmittels. Heute werden die Trends durch die Leserwünsche gesetzt. Das klassische Storytelling mit Überschrift, Bild und Text ist out. Heute braucht es vielfältigere Erzählformen, die auch grafisch umgesetzt werden müssen.

Wo liegen denn dann noch die grafischen Unterschiede zwischen Zeitung und Zeitschrift?
Die Zeiten, in denen wir zwischen Zeitungsdesign und Magazindesign unterschieden haben, sind vorbei. Die Zeitung ist längst zum täglichen Magazin mutiert. Es besteht keine Angst mehr, große Themen auch groß zu visualisieren. Ungewöhnliche Bildgrößen, gewagte Bildschnitte und grafische Umsetzungen sind auch durch die vielen neuen Art-Direktoren bei Zeitungen zum Standard geworden.

Hans-Peter Janisch beim Leserpanel der Fuldaer Zeitung, bei dem einer ausgewählten Gruppe eine Nullnummer zur Beurteilung vorgelegt wurde.
Fotograf: Charlie Rolff.

Welchen Einfluss hat die digitale Darstellung auf das Design? Wie hat sich Ihre Arbeit durch den Medienwandel geändert?
Der klassische Journalismus wurde und wird durch Online-Publikationen befruchtet. Wir wissen seit Langem, dass Geschichten im Netz deutlich besser strukturiert sein müssen, um gelesen zu werden. Diese Erkenntnis hat sich auch in der gedruckten Zeitung durchgesetzt. Alternative Story Forms heißt das Zauberwort für medienübergreifende Berichterstattung. Im Print sind dies zum Beispiel Erzählformen wie die Zeitleiste oder die Infografik . Visuelle Erklärstücke wie sie im Netz mit Video und Ton funktionieren.
Zeitungsdesign ist heute keine losgelöste Disziplin mehr, wird immer im Kontext aller Medien betrachtet. So wie Print nur noch zusammen mit allen anderen Kanälen gut funktioniert. Aktuelle Neugestaltungen legen großen Wert auf eine ganzheitliche Erscheinung, dies muss in der Gestaltungsarbeit berücksichtigt werden.

Wie finden Sie heraus, auf was der Zeitungsleser anspringt?
Wir wissen heute ziemlich genau, worauf der Zeitungsleser Wert legt, wie Zeitungen gelesen werden. Im Zeitalter diverser Blickaufzeichnungen ist es leicht, die Wünsche des Lesers zu berücksichtigen. Dadurch wird das Produzieren einer Zeitung, aber auch das Layout und die Gestaltung immer zielgruppengerechter.
Bei allem sollte man jedoch immer die große Zeitungswelt im Blick behalten. Visuelle Trends und veränderte Darstellungsformen finden wir oft im Ausland zu erst.

Schon in der Vergangenheit haben Sie der Fuldaer Zeitung einen neuen Look gegeben. Wie lange ist mittlerweile die Haltbarkeit von Zeitungsdesigns?
Früher hat man immer gesagt: „Ein gutes Zeitungsdesign sollte zehn Jahre halten”. Nun, der letzte Relaunch in Fulda ist zehn Jahre her, das würde passen…
Generell ist die Taktung heute aber viel schneller geworden. Die Notwendigkeit eine Gestaltung an sich verändernde Lesegewohnheiten anzupassen, wird durch die digitalen Medien beflügelt. Eine Website fühlt sich nach zwei Jahren schon altbacken an. So sehen wir auch öfters eine kontinuierliche Anpassung in kleinen Schritten.

Wie sehen Sie die Zukunft der Tageszeitungen? Werden sie komplett ersetzt durch digitale Ausspielungswege?
Nein, das denke ich nicht. Das hat man auch anderen Medien vorhergesagt, die heute noch munter leben. Aber die Zeitung muss sich verändern, um in diesem Medienreigen noch zu funktionieren. Sowohl die Inhalte als auch die Erscheinungsform stehen auf dem Prüfstand. Möglich sind zum Beispiel Mischformen: die gedruckte Zeitung gibt es am Samstag und Montag, an den anderen Tagen ist ein E-Paper oder eine App sinnvoller.
Die Nachricht hat in der gedruckten Zeitung oftmals nur noch eine Berechtigung, wenn sie lokal ist. Dies gilt natürlich nicht nur für den Lokalteil einer Zeitung, sondern für alle Ressorts, wie z. B. den Sport. Überregionale Nachrichten aus der Politik, dem Land oder der Welt werden besser und aktueller in anderen Medien gespielt. Die Zeitung kann Hintergrund, Analyse aber auch Unterhaltung und Lebenshilfe. Das kann sie gut ausspielen, vor allem lokal verpackt. Dann hat die Zeitung auch in Zukunft noch eine Daseinsberechtigung, auch wenn es den Begriff „Newspaper” lange nicht mehr gibt.

Bildquelle: Parzeller Verlag, Fulda