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Zauberwort Kollaboration

In den USA suchen immer mehr Lokalzeitungen Partner, um neue Zielgruppen zu erreichen und Abonnenten mehr Vielfalt zu bieten

Von unserem USA-Trendscout Ulrike Langer

Kollaboration* ist in der gebeutelten US-Zeitungslandschaft weit verbreitet. Die Datenbank des Center for Cooperative Media (CCM) an der Montclair University in New Jersey listet mittlerweile fast 500 nationale und internationale journalistische Kollaborationsprojekte. Bei der Kollaboration zwischen Medienunternehmen oder mit nicht-journalistischen Partnern wie etwa Bürgerinitiativen ergänzen sich im Idealfall Ressourcen, journalistische Kompetenzen, Einsatzgebiete und Zielgruppen in einer Win-Win-Situation zum Vorteil aller beteiligten Partner. Wir zeigen zwei beispielhafte Initiativen.

Wie Sacramento Bee in Kalifornien mit gezielten Partnerschaften Afroamerikaner als Nutzer und Abonnenten gewinnt

The Sacramento Bee (SB), die Tageszeitung der kalifornischen Hauptstadt Sacramento (wochentägliche Printauflage: 93.000 Exemplare, monatliche Visits: 4,4 Millionen), gelangte vor zwei Jahren zu der Einsicht, dass sie ihr Leser- und letztlich auch Abonnentenpotenzial nicht voll ausschöpfte, weil sich vor allem Afroamerikaner in der Berichterstattung nicht wiederfanden. Sie wurden seltener als Weiße befragt und zitiert und wenn über sie berichtet wurde, dann vorwiegend in Crime-Stories.

Sacramento Bee hatte weder Kontakte noch Glaubwürdigkeit, um auf eigene Faust in die afroamerikanischen Communities vorzudringen und suchte sich deshalb Partner in freier Mitarbeit wie die Organisation Sol Collective, die sich um junge Künstler und soziale Gerechtigkeit bemüht, und die Videoproduktionsfirma Black Zebra. „Was wir auf keinen Fall wollten, war,mit einer herablassenden Haltung aufzutreten, nach dem Motto ,benachteiligten Communities eine Stimme geben’”, betont Ryan Lillis, stellvertretender CvD des Sacramento Bee: „Diese Communities haben längst eigene starke Stimmen. Es ging uns darum, diese Stimmen auch bei uns zu Wort kommen zu lassen.”

Unterstützt wurde das Projekt „Community to Newsroom Pipeline” mit Fördermitteln des Facebook Journalism Project Community Network. Es umfasst Workshops, Events, und außerhalb der Paywall veröffentlichte Kurzgeschichten, Poesie, Kolumnen und Videos junger nicht-weißer Künstler, kuratiert von einem neuen afroamerikanischen Projektverantwortlichen mit guten Verbindungen zur Szene und Zielgruppe. Lillis glaubt, dass sich Verlage und Redaktionen langfristige Ziele setzen müssen, um von dieser Art von Kollaboration zu profitieren: „Zunächst steigen die Pageviews, dann erst die Neuabos.” Mit diesem Erwartungshorizont wurde Sacramento Bee allerdings positiv überrascht, als nach einigen meinungsstarken Beiträgen von afroamerikanischen Autoren rund um das Thema Black Lives Matter mehrere Dutzend Neuabos eingingen. Mit den Neueinnahmen konnten immerhin bereits die Honorare der neuen freiberuflichen Partner-Journalisten bezahlt werden.

Wie im Colorado Media Project 24 kleine Lokalredaktionen gemeinsam überlebensfähig bleiben und hochwertigen Journalismus produzieren

Im Bundesstaat Colorado haben sich 24 kommerzielle und nicht-kommerzielle Print- und Digitalzeitungen mit einem Einzugsgebiet von insgesamt mehr 330.000 Einwohnern zum Colorado Media Project (COLab) zusammengeschlossen. Die Initiative funktioniert als Inkubator für kleine Lokalredaktionen. Die Partner tauschen Beiträge über die StoryShare Plattform der Nachrichtenagentur AP aus und vermitteln Mentoren und Weiterbildungen innerhalb des Netzwerks. Ein redaktionelles Team unterstützt Mini-Redaktionen und Solo-Reporter unmittelbar bei aufwendigen investigativen Recherchen. COLab befähigt so seine Mitglieder, auch mit geringen Mitteln hochwertige Berichterstattung und – im Fall der kostenpflichtigen Zeitungen und Websites – Mehrwert für Abonnenten zu erzeugen.

Die Mini-Lokalzeitung Kiowa County Press (dreistellige wöchentliche Printauflage, rund 40.000 unique monatliche Besucher auf der Website) konnte beispielsweise für eine Recherche zum Thema Polizeigewalt die Herausgabe von Akten juristisch erzwingen. Die wenigsten Medien dieser Größe können, auf sich selbst gestellt, finanziell riskieren, für eine solche Story vor Gericht zu ziehen. Und die Mini-Zeitung The Mountain Ear mit einer Wochenauflage von 1.200 Exemplaren nutzte den Rückhalt von CoLab als sie im vergangenen Jahr zu Beginn der Corona-Krise innerhalb von einer Woche 20 Prozent ihres Anzeigenvolumens verlor. Mit einer Vorlage des CoLab für erfolgreiche Spendenaufrufe schaffte es die Zeitung, ihr Ziel von 5.000 Dollar zu übertreffen und damit den Druckbetrieb und Solidaritäts-Abos für mehr als 100 Bürgern, die in der Krise nicht zahlen konnten, aufrechtzuerhalten und obendrein noch einen Podcast zu starten.

Zusätzlich entwickelt CoLab Ideen und Tools für kollaboratives Storytelling, von denen alle Partner profitieren. Im vergangenen September verschickten mehr als zwei Dutzend Redaktionen Testbriefe quer durch Colorado und dokumentierten die Ergebnisse, um vor der Präsidentschaftswahl die Verschwörungstheorie zu widerlegen, nach der Briefwahlen unsicher seien. Im Oktober erstellte CoLab gemeinsam mit der Open Media Foundation einen interaktiven Ratgeber mitsamt Datenbank für die Wahlen. Beide Produkte konnten als White-Label-Lösung in die Websites der Partner eingebettet werden und sollen nun als Prototyp für ähnliche Produkte dienen. Für externe Lokalmedien außerhalb der Kooperative bietet CoLab Trainingskurse und Open-Source-Produkte an.

 

Ressourcen im Web:

Sammlung des Center for Cooperative Media mit zahlreichen Kollaborations-Ratgebern aus verschiedenen Quellen zum kostenfreien Download:

collaborativejournalism.org/guides/

CCM-Datenbank mit 450 internationalen Kollaborationsprojekten: bit.ly/CJ_Database

*Kollaboration ist hier wertfrei genutzt und meint hier allgemein eine Form der geistigen Kooperation oder Zusammenarbeit. Laut Wikipedia wird die Abgrenzung zwischen Kooperation und Kollaboration in einer aus dem angelsächsischen Sprachgebrauch importierten Sichtweise darin gesehen, dass die Partner bei einer Kollaboration am Endergebnis der Zusammenarbeit schöpferisch beteiligt und keine bloßen Zuarbeiter oder Inhaltslieferanten sind.

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